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Rollifahrer haben’s schwer

Senioren klagen über unebene Fußwege. Wir haben sie getestet.

Die Ampel Dresdner Straße schaltet viel zu schnell auf Rot. Unebene Fußwege wie vorm Optiker Faust nimmt ein Fußgänger kaum wahr. Für Rollatorennutzer werden schon kleine Höhenunterschiede zu einer echten Herausforderung. Schwierig wird es auch, wenn Auslagen, Aufsteller oder Mülltonnen auf den Wegen stehen.   (von Susanne Plecher / Fotos von © Anne Hübschmann )

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Großenhain. Das Problem ist kein Neues. Einfach zu lösen ist es schon gar nicht. Aber die älteren Herrschaften belastet es jeden Tag sehr. Es geht um holprige Fußwege und Straßenüberquerungen, die mit Rollstühlen oder Rollatoren nur schwer zu bewältigen sind. Die Rentner im Seniorenheim Pro Civitate in der Mozartallee können ein Lied davon singen. Ein Fröhliches ist es freilich nicht. Wir leihen uns einen Rollator aus und machen einen Praxistest. Schnell wird klar: Für Rollstuhl- oder Rollatorfahrer tun sich trotz vieler abgesenkter Bordsteinkanten und einem großen Anteil gut sanierter Fußwege beim täglichen Gang durch die Stadt Probleme auf, die ein normaler Fußgänger gar nicht wahrnimmt.

Problem 1: unebene Fußwege und kleinteiliges Kopfsteinpflaster

Das Problem beginnt für die Bewohner des Seniorenheimes schon direkt hinter ihrem Eingangstor. Kleinteiliges Kopfsteinpflaster, wunderschön anzuschauen, lässt sich mit einem Rollator kaum bewältigen. Die Räder tanzen und hüpfen, ein jedes macht, was es will. Besonders schlimm wird es auf dem Fußweg vor dem Optiker Faust an der Mozartallee/ Ecke Meißner Straße. „Da bricht man sich bald die Ohren“, sagt Ina Schubert, die mit ihren 76 Jahren zwar auch körperlich gut beisammen ist, aber eine Gehhilfe braucht. Der Praxistest zeigt: Frau Schubert hat recht.

Große Gehwegplatten aus Granit liegen uneben, wechseln sich mit kleinem Kopfsteinpflaster ab, das sich wellenartig aufwirft. Besonders kriminell wird es ausgerechnet im Kurvenbereich, wo an den Pflasterbelag wieder eine Gehwegplatte angrenzt, allerdings leicht abschüssig und mit einem Höhenunterschied von reichlich zwei Zentimetern. „Ich habe zu tun, dass ich dort mit meinem Rollstuhl nicht umkippe“, schildert Willi Brackmann (76). Bei einer drei Zentimeter hohen Schwelle setzen hinter den eigentlichen Rollstuhlrädern kleine Stützräder auf, die ihn in gefährliche Schieflage bringen können.

Problem 2: Straßenquerung. Die Ampel schaltet viel zu schnell um.

Wollen die Senioren die angrenzende Meißner Straße überqueren, stellt sich ihnen schon die nächste Schwierigkeit. Die Bundesstraße ist stark befahren, eine Fußgängerampel oder einen Überweg gibt es weit und breit nicht. Wer es mit Ach und Krach zur kleinen Verkehrsinsel geschafft hat, muss „Po und Brust einziehen“, wie es Ina Schubert ausdrückt, um nicht gestreift zu werden. Auch die Fußgängerampel Beethovenallee/ Ecke Dresdner Straße ist eine Enttäuschung. Exakt 7,52 Sekunden hat man Zeit, will man Richtung Innenstadt. Nicht mal eine halbe Sekunde mehr dauert die Grünphase Richtung Aldi. Selbst Nichtgehbehinderte schaffen die Straßenquerung gerade so. Für alle anderen ist das schlicht nicht zu machen. Wir haben zwei Drittel der Querung bewältigt, bis die Ampel umgeschaltet hat.

Problem 3: Hindernisse auf den Fußwegen

Aufsteller, Auslagen, Blumenkübel und Mülltonnen, die auf Gehwegen stehen, machen es den Gehbehinderten zusätzlich schwer.

Sind Lösungen in Sicht?

„Wir haben sehr viel Verständnis für die Probleme“, sagt Stadtbaudirektor Tilo Hönicke, der mit einem Meterzähler durch die Stadt gelaufen ist, um den Senioren begehbare Routen vorzuschlagen. Dass Mülltonnen auf den Wegen stehen, wird sich nicht verhindern lassen. Auch wird niemand den Händlern ausreden können, auf den Wegen ihre Auslagen zu präsentieren. Schnell ändern ließe sich die Ampelschaltung, sodass wenigstens tagsüber alle Fußgänger ein vernünftiges Zeitfenster zum Überqueren der Straße haben. Ob an der Mozartallee ein Zebrastreifen eingerichtet werden kann, wird derzeit geprüft. Das Granitpflaster an der Mozartallee darf definitiv nicht ausgetauscht werden. „Das verbietet die Denkmalpflege“, so Hönicke. Vielleicht kann er ja den neuen Vorschlag der Senioren überdenken: „Das Pflaster kann ruhig liegenbleiben. Aber eine Asphaltschicht von einem Meter Breite darauf würde uns enorm helfen“, sagen sie.