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Rentner erhalten keinen Arzttermin

Besonders kritisch ist in Großenhain die Lage bei den Augenärzten. Es sei denn, man bezahlt.
Von Catharina Karlshaus

Die Bewohner der Senioreneinrichtung „Pro Civitate“ Erika Treppe (85), Günther Jordan (82) und Ina Schubert (76) laufen gegen den Augenarztnotstand in Großenhain an. Seit Jahren bemühen sich die Rentner nach eigenem Bekunden um einen Termin. Leider bisher vergeblich.
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© Andreas Weihs

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Großenhain. Für Irma Gönner ist die ganze Angelegenheit eine Frage des Prinzips. Seit vier Jahren lebt die rüstige 90-Jährige nun schon in der Obhut der Pro Civitate Residenz Großenhain. Hergezogen aus dem nahe gelegenen Dresden, fühlt sich Irma Gönner auch sehr wohl in der Stadt. Wäre da nicht eine Sache: „Obwohl ich eine chronisch kranke Patientin bin, habe ich seit vier Jahren keine Augenarztpraxis von innen mehr gesehen“, donnert die wortgewandte ältere Dame los. Noch in der Landeshauptstadt wohnhaft, habe sie stets eine entsprechende Praxis in ihrer Nähe aufgesucht. Mit dem Umzug nach Großenhain sei das jedoch nicht mehr möglich. Zu umständlich ist die weite Fahrt dorthin und letztlich auch zu teuer. „Ich habe bisher nur die Pflegestufe 1 zuerkannt bekommen und erhalte deshalb für den Krankentransport zum Arzt keinen Zuschuss“, erklärt Gönner. Zwar sei sie im Gegensatz zu anderen Bewohnern in der glücklichen Lage, das Geld selber aufzubringen. Aber das wolle sie eben gerade nicht. „Weil es eine Frage des Prinzips ist. Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass hier in Großenhain mehrere Augenärzte ansässig sind und keiner uns behandeln will“, schimpft Irma Gönner.

Ärzte halten mobile Sprechstunden

Und sie ist mit ihrem Ärger nicht allein. Um den Tisch in der Cafeteria der Residenz sitzen an diesem Vormittag einige verärgerte Bewohner. Sie wollen es nicht länger hinnehmen, dass sich für die Behandlung ihrer bedürftigen Augen kein geeigneter Mediziner finden lassen soll. Immerhin: Im Falle anderer Fachärzte wäre das doch auch gelungen. So sei es einer Zahnärztin nicht zu viel, regelmäßig im Heim eine Sprechstunde abzuhalten. Ja sogar Zähne wären schon in der Einrichtung gezogen worden. Auch Großenhains Hautarzt Dr. Steffen Großmann besuche die Senioren auf der Mozartallee, ohne zu murren, ebenso verschiedene Hausärzte, die sich sogar immer sehr viel Zeit für jeden Einzelnen nehmen. Selbst einer Neurologin sei der Weg nicht zu weit, ganz zu schweigen von der Hals-, Nasen- und Ohrenärztin Dr. Grit Dörfelt, die gar aus der Dresdner Friedrichstadt anreist. „Darüber sind wir auch wirklich sehr froh. Wir können unseren Bewohnern auf diese Weise zahlreiche Fahrten zum Arzt ersparen“, sagt Heimassistent Daniel Zschau. Auch mit diversen Augenärzten habe man selbstverständlich schon mehrfach gesprochen. Nur leider ohne Erfolg.

Eine Tatsache, die momentan Erika Treppe sehr bekümmert. Nicht nur, dass die Brille der 85-Jährigen kaputt ist. Bereits seit vielen Jahren wird die Großenhainerin von massiven Schwindelanfällen geplagt. Die Augen jucken und brennen aufgrund verschiedener Medikamente, die sie nach zwei Herzinfarkten einnehmen muss. Eine regelmäßige Kontrolle beim Facharzt erscheint also unbedingt geboten. „Deshalb habe ich mich auch zunächst an die hiesige Ärztin Frau Dr. Guhr gewandt. Aber für jede Behandlung aus der eigenen Tasche 50 Euro zu bezahlen, kann und will ich mir nicht leisten“, bekennt Erika Treppe. In ihrer Not habe sie deshalb einige Augenärzte in der Region angerufen. Letztlich habe sich nach langem Zögern eine in Radebeul niedergelassene erbarmt und ihr einen Termin gegeben. „Ich musste natürlich einige Wochen warten. Und erst recht an dem Tag, an dem ich bestellt war. Meine Tochter hat sich extra von der Arbeit freigenommen, mich um halb neun abgeholt und um 14.30 Uhr waren wir endlich wieder hier in Großenhain“, erinnert sich Erika Treppe.
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Praxen sind völlig ausgelastet

Eine Strapaze, die angesichts der in der Röderstadt vorhandenen Augenärzte nicht notwendig wäre. Aber genau dort liegt eben auch das Problem. Dr. Ute-Evelin Guhr ist keine Vertragspartnerin der Krankenkasse mehr und behandelt somit ausschließlich privat versicherte Patienten beziehungsweise auch kassenärztliche, die allerdings dafür aus eigener Tasche zahlen müssen. „Aber es kann jeder gern zu uns kommen“, so Ute-Evelin Guhr.
Eine Aufforderung, die indes nicht für die Praxis von Dr. Evelyne Hemmerling gilt. Sie ist nach eigenem Bekunden ausgelastet. „Wir haben momentan 12 000 Patienten in unserer Kartei. Ich kann leider wirklich niemanden mehr aufnehmen“, bedauert die Fachärztin. Wie sie betont, könnten freilich Leute, die akute Beschwerden haben, jederzeit bei ihr vorbeikommen. Darüber hinaus empfiehlt sie eine Liste, in der praktizierende Dresdner Augenärzte aufgeführt sind, die noch freie Kapazitäten haben.

Und damit schließt sich der Kreis. „Extra soweit zu fahren, ist für viele von uns nicht möglich“, bekennt Günter Jordan, der an grauem Star leidet. Seit seinem Herzug von Erfurt ist er nicht mehr augenärztlich untersucht worden. Dass die Ärzte so wie andere Mediziner auch ins Haus kommen, darauf muss der Mann jedoch nicht warten. „Beim besten Willen ist es nicht möglich, die Geräte, welche ich zur Untersuchung benötige, hin und her zu transportieren“, sagt Evelyne Hemmerling.