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Rechtzeitig rantasten

In der Senioreneinrichtung Pro Civitate stapeln sich die Anträge auf einen Platz. Dabei gingen Betroffene oftmals den falschen Weg, warnt der Heimleiter.
Von Catharina Karlshaus

Anna Hofner ist sichtbar glücklich, dass sie sich als 84-Jährige noch immer selbstständig in ihren eigenen vier Wänden betun kann. Die gebürtige Schwäbin wohnt in der sanierten Villa Amtsgasse. Gleich in Rufweite das Seniorenheim Pro Civitate.

sz24.03.2015

Anna Hofner strahlt über das ganze Gesicht. Die rüstige Seniorin feiert an diesem Montag ihren 84. Geburtstag – die Gratulanten geben sich die Klinke in die Hand. Glücklicherweise, so betont die sympathische Schwäbin, ist es immer noch die Klinke zum ganz und gar eigenen Zuhause. Denn während ihr Mann Friedrich als schwer Demenzkranker im Pflegebereich des Seniorenheimes Pro Civitate versorgt wird, lebt sie gleich nebenan im altersgerechten Wohnen auf der Amtsgasse. „Nachdem ich vor gut zwei Jahren beschlossen habe, diesen Weg zu gehen und in die Nähe meines mittlerweile hier wohnenden Sohnes zu ziehen, war ich froh, mir diese Form der Selbstständigkeit erhalten zu können“, bekennt Anna Hofner. Denn natürlich sei ihr der Abschied von Ludwigsburg – immerhin 40 Jahre lang ihr Lebensmittelpunkt – schwergefallen. Dort habe sie schließlich ihre drei Kinder großgezogen und die schönsten Jahre mit ihrem Mann verbracht. „Als er dann krank wurde, habe ich mich zunächst allein um ihn gekümmert. Aber irgendwann ging es nicht mehr, und gemeinsam mit meinen Kindern haben wir beschlossen, unser Haus zu verkaufen und nach Großenhain zu ziehen“, erzählt Anna Hofner.

Als eine von insgesamt zehn Bewohnern der stilvoll sanierten Villa genießt sie nicht nur alle Annehmlichkeiten, sondern macht laut Steffen Kummerlöw alles richtig. Nämlich nicht darauf zu warten, bis in den geliebten eigenen Wänden gar nichts mehr ginge, sondern rechtzeitig vorzusorgen. Das Problem des engagierten Heimleiters: Nahezu vom ersten Tag an sei das im November 2011 eröffnete Heim ausgebucht gewesen. Für die 68 Einzimmerappartements gebe es eine Warteliste, auf der die Namen von 99 Frauen und Männern stehen. „Wenn ich allerdings die 93-jährige Oma Erna anrufe und ihr freudig mitteile, dass sie nun als Übernächste an die Reihe käme, ist diese ganz entsetzt und will den Zeitpunkt des Umzugs lieber aufschieben“, verrät Steffen Kummerlöw und lacht.

Was indes nicht zum Lachen ist: Wenn Oma Erna Monate später im ungünstigsten Fall gestürzt ist und den Platz plötzlich doch benötigt, ist keiner mehr frei. „Und genau das ist langsam unser Problem. Die Kapazitäten sind erschöpft, und ich bitte alle Angehörigen und die Betroffenen deshalb, rechtzeitig vorzusorgen.“ Denn natürlich würden die Menschen sichtbar fitter und seien in der Lage, sich immer länger und besser in der eigenen Wohnung zu betätigen. Nicht von ungefähr, so Steffen Kummerlöw, habe sich das Durchschnittsalter eines potenziellen Heimbewohners heute bei 80 Jahren eingepegelt. „Aber nichtsdestotrotz ist es wichtig, rechtzeitig zu wissen, wie es einmal weiter gehen wird.“ In Vorgesprächen mit jenen Betroffenen, die auf der Warteliste fast ganz nach oben gerutscht sind, versuche er deshalb, etwaige Ängste vor dem letzten Schritt auszuräumen. Den älteren Menschen, die einerseits an ihrer Unabhängigkeit hängen, aber andererseits den Alltag nicht mehr so ohne Weiteres bewältigen, die Ängste vor einer Senioreneinrichtung zu nehmen. „Ich sage ihnen immer, ein ungemütliches Heim ist immer noch besser als der goldene Käfig zu Hause“, so Kummerlöw. Sich Stück für Stück an den letzten Abschnitt im Leben heranzutasten – eben zunächst über die Variante des altersgerechten Wohnens – hält der 49-Jährige für wichtig.
Anna Hofner kann nach eigenem Bekunden jedenfalls nur dazu raten. Sie brüht sich nach all der Aufregung erst mal einen Kaffee in ihrer modernen Maschine auf – ganz allein und darauf ist sie stolz.

Quelle: Sächsische Zeitung, sz-online.de – 24.03.2015
Foto: Brühl