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Lotsen für den Kopf

Müde, sehr müde sind Franz und Ella, und was um sie herum passiert, ist für die beiden längst zu undurchschaubarem Chaos verklebt. Aber sie haben ja sich. Arm in Arm dösen die beiden alten Leute auf einem gelben Sofa. Wenn sie doch einmal die Augen öffnen, können sie beobachten, was ihre Wohngenossen und Betreuer im Pflegezentrum Schmiedeberg bei Dresden gerade so treiben. Sie nehmen wahr, ob noch jemand im Wohnzimmer ist, den Flur auf und ab geht oder in der Wohnküche am großen Tisch sitzt. Die meisten Zimmertüren liegen in Franz‘ und Ellas Blickfeld. Das ist auch gut so, denn was sie nicht sehen, existiert für sie nicht: Die Demenz hat ihnen und auch den übrigen zehn Bewohnern hier zuerst den Orientierungssinn genommen.

ANDERS WOHNEN Architektur kann demenzkranken Menschen helfen, sich zu orientieren.

Dort, wo Ärzte die „innere Landkarte“ lokalisieren, schwinden die Gehirnzellen bei Alzheimer am rasantesten. Eine junge Architektin, Dr. Gesine Marquardt von der Technischen Universität Dresden, sah die Herausforderung: „Gute Architektur kann dazu beitragen, die Landkarte im Kopf über einen längeren Zeitraum intakt zu halten.“ Sie war sich ganz sicher. Also begann sie zu forschen, wie sich Architektur auf das Wohlbefinden von Demenzpatienten auswirkt. Marquardt befragte Pflegepersonal, Patienten und Angehörige in 30 Häusern in ganz Deutschland und erarbeitete eine Richtschnur für die Planung von Pflegeeinrichtungen, die sich an den Bedürfnissen ihrer Bewohner orientieren. Selbst gebaut hat Marquardt noch nicht, doch das neu errichtete Gerontopsychia-trische Pflegezentrum in Schmiedeberg entspricht in vielem den Erkenntnissen aus ihrer Forschungsarbeit. Der Grund-riss ist günstig, und die Heimleiterin Gabriele Franz hat etwas aus den Möglichkeiten des Hauses gemacht.

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Geradeaus statt rundherum

„Bisher dachte man, mit einem runden Endlos-Flur wäre den Patienten geholfen: Bewegung sei wichtig, und irgendwann käme jeder notgedrungen an seiner Zimmertür vorbei. In Wirklichkeit verstärkt ein um Ecken geführter Flur eher die Orientierungslosigkeit der Kranken“, erklärt Marquardt. „Hier haben wir daher einen geraden Flur, der sich zu Wohnzimmer und Küche hin öffnet.“

In der geräumigen Wohnküche schnippelt eine Gruppe Obstsalat unter Anleitung einer Pflegerin, ein weiter Durchgang führt zu der gemütlichen Sitzecke mit Kachelofen. Ein großer Mauerdurchbruch gibt vom Gang her den Blick auf die Aufenthaltsräume frei. Franz ist in sein Zimmer mit dem Sonnenblumenbild gegangen, Ella hat sich der Obstsalatgruppe angeschlossen und müht sich mit Bananen-Schneiden ab. Eine andere Bewohnerin betastet den Ofen.
„An den Zimmertüren sollen große Bilder kleben, die auch etwas mit dem Bewohner zu tun haben, vielleicht ein Foto aus der Jugend oder ein Symbolbild, mit dem sich der Mensch identifizieren kann“, sagt Marquardt. „Die ‚durchschaubaren‘ und unverwechselbaren Räume hier erleichtern den desorientierten Menschen das Leben. Es ist ganz klar: Das ist die Küche, das ist das Wohnzimmer. Und zwischen den Räumen gibt es Blickbeziehungen.“
Als sich Marquardt Schichtbilder vom Gehirn demenzkranker Menschen erklären ließ, konnte sie nachfühlen, wie den Betroffenen zumute sein mochte: „Eine Bruchlandung auf einem fremden Planeten.“ Wenn die Krankheit fortschreitet, bleiben nur noch Bruchstücke aus der Zeit als junger Erwachsener im Gedächtnis hängen.

Im Heim wie zu Hause fühlen

Heimleiterin Gabriele Franz bringt deshalb ab und zu etwas vom Flohmarkt mit: Alte Hemden und bestickte Küchentücher hängen auf Wäscheleinen über den Fluren des Heimes, eine uralte Nähmaschine und eine Anrichte aus den 50er-Jahren stehen herum, in dem blechernen Waschzuber werden manchmal Hemden geschrubbt. „Waschen wie früher“ heißt die Veranstaltung, die die alten Frauen im Heim gerne besuchen.

„Neben den Grundrissen spielt auch die Gestaltung der Räume eine Rolle“, kommentiert Marquardt den Sinn der Dekoration. „Am wohlsten fühlen sich die Patienten mit Gegenständen aus jener Zeit ihres Lebens, als sie 20 bis 30 Jahre alt waren.“
Normalerweise sind die Möbel in Pflegeeinrichtungen glatt, modern, leicht zu reinigen – und verwechselbar. Darum setzt sich die Verwirrung der Patienten oft auch dann fort, wenn sie endlich ihr Zimmer gefunden haben. Die Möbel -nie gesehen. Vielleicht ist es ja doch nicht das eigene Zimmer?
Schon ein vertrautes Stück aus der früheren Zeit wirkt da wie ein Anker in der Gegenwart, der den Menschen ein wenig Identität zurückgibt. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Elke gerne den Puppenwagen spazieren fährt. Als sie Mitte zwanzig war, hat sie das ja auch getan, damals lag ihr Baby in dem Wagen. Nur wenn die betagte Dame am Spiegel vorbeikommt, merkt sie, dass irgendetwas überhaupt nicht stimmt: das Gesicht im Spiegel. „Wer ist denn das?!“, sagt sie voller Bestürzung. Elke kennt sich mit Pfirsichhaut, braunen, lockigen Haaren und einem Lächeln um die Augen, so wie sie mit 25 aussah. Sie schüttelt den Kopf und schiebt den Puppenwagen weiter, in die Wohnküche. Die findet sie problemlos.

Quelle: Senioren Ratgeber September 2009