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Freundschaft ist keine Sache des Geburtsdatums

Alt und Jung passen nicht zusammen? Die Oberschüler der Großenhainer Schachtschule beweisen das Gegenteil.

Von Catharina Karlshaus

Großenhain. Es war Sympathie auf den ersten Blick. Wenn sie ihn ansieht, dann glitzern ihre braunen Augen schelmisch und er legt während des Gesprächs schon mal vertrauensvoll die Hand auf ihren Arm. Kein Zweifel, mit ihm fühlt sie sich ein wenig leichter und beinah ein bisschen unbeschwert. Er hat sich wiederum schon oft den einen oder anderen Ratschlag bei ihr eingeholt. Von den vielen Dingen des Lebens, über die sie mittlerweile geplaudert haben, ganz zu schweigen. Sie mag seinen Witz und er ihr Lachen. „Noah ist mein Freund“, sagt Ina Schubert ernst und Stolz tropft aus jedem dieser Worte. Dass ihr Gesprächspartner über sechs Jahrzehnte jünger ist als sie – was macht das schon? „Ich kann Ina absolut vertrauen und unheimlich gut mit ihr reden. Wir sind richtige Freunde geworden“, bekennt Noah Pfützner und guckt, als sei das die normalste Sache der Welt.

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Für den 13-Jährigen und viele andere Schüler der Großenhainer Oberschule Am Schacht ist sie das tatsächlich. Seit 2012 verbindet die Mädchen und Jungen eine intensive Beziehung mit dem Seniorenzentrum „Pro Civitate“ auf der Mozartallee. Regelmäßig besuchen die Schüler einige der 68 Bewohner. Man schwatzt und spielt zusammen, bäckt Muffins zum Sommerfest oder tauscht Weihnachten kleine Geschenke aus.

„Uns war es wichtig, dass unsere Kinder einen Kontakt zu dieser Generation haben. Der Umgang mit den älteren Leuten fördert ihre Sozialkompetenz“, erklärt Schulleiter Axel Hackenberg. Im wahrsten Sinne des Wortes in diesen Lebensabschnitt hineinzuriechen, tue beiden Seiten gut. Nicht jeder der Kinder hätte mehr das Glück eine Oma oder gar einen Uropa zu haben. Und nicht zu jedem der älteren Herrschaften käme zum Sonntagskaffee das Enkelchen. „Da ist der Kontakt zu unseren Oberschülern Gold wert. Sie bringen Schwung in die Bude und unsere Bewohner freuen sich darauf“, bekennt Steffen Kummerlöw. Wie der Leiter der Seniorenresidenz betont, profitierten beide Seiten von den regelmäßigen Kontakten.

Neuestes Projekt im Sinne von Alt und Jung: 16 Mitglieder der Schul-Arbeitsgemeinschaft Medien werden innerhalb der nächsten Monate ausgewählte Fotos der Senioren machen. Unter Anleitung der Dresdner Fotografin Laura Göpfert sollen Aufnahmen von Händen, Gesichtern, dem Hals oder den Ohren entstehen. Professionelle Shootings in der Cafeteria des Zentrums, für die die Senioren in dieser Woche schon einmal gern posiert haben.

Immerhin: Im Gegenzug erhalten sie dafür von den jungen Leuten fachkundige Auskünfte über digitale Fotografie und neue Medien. Während eine Sechsklässlerin also hinter der Kamera das markante Profil von Willi Brackmann bewundert, wird das Mädchen dem 77-Jährigen dafür erklären, dass ein „Block“ heutzutage nicht mehr aus Papier und bloß konventionell zum Schreiben da sein kann. „Alle Beteiligten begeben sich gewissermaßen auf eine Zeitreise und entdecken die Welt des Anderen“, weiß Steffen Kummerlöw. Im Jahr 2017, in welcher die Rolle der Patenbrigade bestenfalls noch in Büchern über die DDR-Geschichte nachzulesen ist, sei das Interesse und Engagement der Schule ein wahrer Glücksfall.

Einer, den Ina Schubert und Noah Pfützner tatsächlich als solchen begreifen. Als die schwer kranke Rentnerin im März Geburtstag hatte, wollte sie diesen eigentlich mit Noah feiern. Leider sollte es anders kommen. „Ich dachte, ich sehe ihn nie wieder“, sagt Ina Schubert leise und schüttelt traurig den Kopf. Umso schöner sei es dann für sie gewesen, als sie schließlich doch wieder entlassen werden konnte und der Schüler sie mit einem Strauß Rosen überraschte. Noch heute stehen die Blumen in ihrem Zimmer auf dem Nachtischschrank. Geradezu liebevoll schaut der Junge seine Bonus-Oma an. Natürlich wisse er, dass es eine besondere Begegnung auf Zeit sei. Wegen des Alters von Ina und erst recht wegen ihrer unheilbaren Krankheit. „Aber das spielt alles keine Rolle. Wir sind gute Freunde. Und die sind füreinander da!“

31.03.2017 – SZ-Online

Quelle: http://www.sz-online.de/nachrichten/freundschaft-ist-keine-sache-des-geburtsdatums-3648183.html