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Feldlager mit Rollator

Um den Senioren von Pro Civitate einen schönen Tag zu machen, öffnet Wolfgang Bothur schon mal die Panzerhalle. 21.03.2016 Von Birgit Ulbricht

Die Szene ist makaber. Aber nur auf den ersten Blick. Ein alter Herr schiebt seinen Rollator an einen alten T 34 heran, betastet den kalten Stahl. Schlimme Erinnerungen an Stalingrad, an die Kriegsgefangenschaft werden wach. Und doch war es ein Stück, wahrscheinlich das prägendste Stück seines Lebens. Um leben, um erinnern, manchmal auch aufblühen, lachen weinen oder schweigen geht es Steffen Kummerlöw, wenn er mit seinen Senioren zu ganz besonderen Ausflügen loszieht. Diesmal hat er seine illustre Truppe zu Wolfgang Bothur in die Panzerhalle gefahren. Nur Männer, denn das ist ein Herrenausflug. „Feldlager“ hat es Steffen Kummerlöw genannt – ein Russenkäppi aufgesetzt, Tabletten und Verpflegung eingepackt und die Truppe aus Meißen und Großenhain in Kleinbusse verfrachtet.

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Die meisten sitzen im Rollstuhl als es munter zwischen den Hallen durch geht. Jedes alte Fahrzeug wird beäugt, manchmal kommt ein „Ja, damit sind die Russen bei uns auch durch den Ort gefahren“ oder ein „Der hat vielleicht Staubwolken gemacht, wenn er losgefahren ist“.
Manche schweigen hartnäckig den ganzen Vormittag. Doch als sie an den Tischen zwischen den Panzern eine Bockwurst und ein Bier in die Hand gedrückt bekommen, lächeln sie doch. „Alfred, ein Bier? Die Mutti ist nicht da.“ Alfred grummelt und fasst zu. Es gibt Suppe, Knacker, Hackepeter, gerade erst auf dem Hinweg gekauft, und wer will, bekommt ein Schnäpschen. Danach gibt Steffen Kummerlöw eine Runde Tabletten aus. Jeder bekommt von den Betreuern seine Tablettenbox. Doch heute ist das natürlich etwas ganz anderes als im Heim, selbst wenn die alten Herrschaften da sehr gut versorgt sind.

Mit dem Bus über die Landebahn gerollt

Heute sind die Damen zu Hause geblieben, heute sind die Männer unter sich. Es wird geraucht und gelästert, es gibt die allerfettesten Speckscheiben, die man sich vorstellen kann, und die Brötchen werden mit Feld-Taschenmessern geschmiert. Zum Abschluss des Ausfluges wird Steffen Kummerlöw seine Rentner wieder in die Kleinbusse einpacken und mit ihnen zum Flugplatz fahren – da startet dann ein kleines Flugzeug von der langen Landebahn – und die Kleinbusse fahren ein Stück auf der Landebahn nebenher, ganz so, als könnten sie mitfliegen.

Steffen Kummerlöw bezeichnet sich gern als Verrückten. „Sterben kann man auch im Pflegeheim“, antwortet er auf die Frage, ob der Ausflug nicht für den ein oder anderen zu anstrengend sei. Schließlich ist für alles gesorgt, samt Betreuer – auch Angehörige sind mitgekommen, was Kummerlöw besonders freut. Familiärer Anschluss ist ihm wichtig. Seine Senioren waren im Arbeitsleben Krankenfahrer, Schlosser, Ladenbesitzer oder Jockey wie Axel. Letzterer ist nur mitgefahren, weil Kummerlöw etwas gemogelt und erzählt hat, es gehe nach Hoppegarten. Aber Axel hat dem Chef die Flunkerei verziehen. Seit einem Schlaganfall sitzt er im Rollstuhl, kann sich nur schlecht verständlich machen. Jeder hat irgendetwas – die Betreuer nehmen das mit Humor, geradezu Entertainment. Was nicht verdeckt, hier geht es um die Pflege von alten Menschen.

Wie Steffen Kummerlöw auf seine Ausflugsideen kommt? „Man muss nur zuhören, worüber sie sich unterhalten, woran sie sich erinnern“, sagt er lapidar. Und pflegen die Frauen als Pendant Damen-Runden? „Nu klar, wir haben am Donnerstag alle Osterbrunnen im Landkreis abgeklappert“, sagt Kummerlöw begeistert und schmiert seinen alten Herren noch ein paar Brötchen.

Quelle: SZ-Online.de //21.03.2016 Von Birgit Ulbricht