Schreiben Sie Ihren Verwandten

Ein Hoch auf diesen hundertsten Geburtstag

Jung in Herz und Kopf: Wenn Ursula Schumann in der Großenhainer Seniorenresidenz auf ein Jahrhundert zurückblickt, ist es kaum zu glauben.

Unglaublich, aber wahr: Ursula Schumann aus Böhla, die seit 2017 im Seniorenzentrum „Pro Civitate“ lebt, feierte am Samstag ihren 100. Geburtstag. Die Sächsische Zeitung gratuliert ganz herzlich! © Kristin Richter – Von Catharina Karlshaus

Großenhain. Das Wunder strahlt übers ganze Gesicht. Aus leuchtend blauen Augen, die mit all ihrer Herzlichkeit, Güte und einer kleinen Portion Schalk keinen Zweifel daran lassen, was sie doch schon alles gesehen haben. Mutters idyllischen Garten im beschaulichen Priestewitzer Ortsteil Dallwitz etwa, die unbeschwerte Jugend mit Freundinnen inmitten des nahenden Krieges und natürlich ihren stattlichen Herbert, bei dessen Namen der Klang ihrer Stimme gleich noch eine Spur weicher wird.

Selbst wenn der geliebte Mann und Vater ihrer zwei Kinder an diesem besonderen Tag nicht mehr bei ihr sein kann. Ohne Zweifel hat es das Leben dennoch gut mit Ursula Schumann gemeint. Auch wenn die Beine nicht mehr so wollen, die Augen nach eigenem Bekunden bald gelasert werden müssen und die Ohren nicht jeden leisen Ton erfassen. „Alles in allem geht es mir aber ganz wunderbar! Ich habe mir vorher nie überlegt, wie es sein wird, wenn ich so alt sein werde, wie ich es ja nun einmal bin“, sagt Ursula Schumann und lacht. So wie sich die Einhundert jedoch jetzt in ihrem Kopf und Herz anfühlten, sei es jedenfalls nicht anders, als noch vor ein paar Jahren.

Die Zeit sei irgendwie dahingeflogen. Durch verschiedene Gesellschaftsordnungen, persönliche Lebensphasen und habe ihr schon viele nahestehende Menschen genommen. Aber sie wäre eben erstaunlicherweise immer noch da. Sie, aber eben auch die Kinder, Enkel und Urenkel, welche jenen Motor darstellen, der sie voller Freude am Dasein halte. „Ich bin glücklicherweise hier in meinem neuen Zuhause von so vielen lieben Leuten umgeben und auch meine Familie kümmert sich so rührend um mich, dass ich an ein Ende gar nicht denke“, bekennt Ursula Schumann.

Dass im Dezember 2017, nur drei Tage nach dem Einzug in das Seniorenzentrum „Pro Civitate“ ihr Herbert für immer gegangen ist, lässt ihr noch heute die Tränen in die Augen treten. 64 Jahre seien sie schließlich ununterbrochen zusammen gewesen. Nie voneinander getrennt, in guten wie in schlechten Zeiten. Obgleich die Guten stets überwogen hätten und sie nicht eine einzige Sekunde mit ihm missen möchte. Nur ein einziges Mal habe er sein Versprechen gebrochen. „Wir haben uns immer gesagt, dass derjenige, welcher zuerst geht, den anderen nach ein paar Tagen nachholt. Daran hat sich mein Herbert nicht gehalten. Aber inzwischen erfreue ich mich wieder an dem, was ich jetzt noch habe“, gesteht Ursula Schumann und streichelt behutsam über das Foto ihres Mannes.

Und was die rüstige alte Dame alles noch hat, kann sich sehen lassen! Der Terminkalender der einstigen Bürokauffrau ist tatsächlich straff gefüllt. Montag nimmt sie an der Mal- und Bastelgruppe im Seniorenzentrum teil, Dienstag und Freitag steht eine Stunde Gymnastik auf dem Plan, und Donnerstagnachmittag singt die Jubilarin im Chor. Dazwischen halte sie gern auch mal ein Schwätzchen mit ihren Mitbewohnern, dem rührigen Personal, das übrigens anerkennend von einer „wirklich coolen Oma“ redet, und freue sich über die vielfältigen Besuche von Tochter Renate oder Sohn Volker. „Das ist ein großes Geschenk, wenn sich Kinder so liebevoll kümmern, wie es meine tun! Dafür bin ich ihnen allen sehr dankbar, auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich heimlich manchmal fit machen lasse, wer denn nun im Fall der Fälle zu mir kommt“, erzählt Ursula Schumann und kichert verschwörerisch. Angesichts der vielen Enkel könne es nämlich gelegentlich schon mal vorkommen, dass so mancher Name nicht immer gleich präsent sei. Aber niemand solle doch den Eindruck haben, sie freue sich nicht über den jeweiligen Gast oder wäre gar unhöflich.

Nicht selten frage der eine oder andere bei dieser Gelegenheit, was das Geheimnis ihrer ausnehmend guten geistigen und körperlichen Konstitution wäre. Vielleicht der ständige Aufenthalt an frischer Landluft seit jenen Kindertagen? Die körperliche Arbeit im eigenen Grundstück später in Böhla, in welchem Spargel angebaut worden ist und köstliche Essen des begehrten Gemüses in großer Zahl am Familientisch zur unvergessenen Tradition gehörten? Geselliges Zusammensein ohnehin im ehelichen großen Freundeskreis, dem Sporttreiben und der gesunden Ernährung mit allem, was selbst geerntet wurde? Das Lesen der Sächsischen Zeitung und das Lösen der Kreuzworträtsel darin, das immerwährende Interesse am Geschehen in der kleinen und großen Welt. Die Reisen mit Herbert durch diese, als es endlich möglich gewesen ist, all die gemeinsamen Erlebnisse, seine unerschütterliche Liebe und das mitreißende Lachen, welches sie auch an diesem Geburtstagsmorgen aus dem Bilderrahmen anschaut?

„Wissen Sie, ich habe darauf keine Antwort! Aber meine Mutter hat uns mitgegeben, dass ein gutes Wort aus einem freundlichen Gesicht ebenso viel wert ist, wie der Himmel auf Erden. Wenn ich manchmal zurückdenke, ist daran doch viel Wahres“, sagt Ursula Schumann – und strahlt ganz wundervoll, aus dem nahezu unglaublichen, aber dennoch einhundert Jahre alten Gesicht.

Ein Gefühl, was Ursula immer getragen hat: Der Mann, mit dem sie ein Leben lang in Liebe verbunden gewesen ist und auch an ihrem 100. Geburtstag wird Herbert natürlich bei ihr sein. © Foto: privat

Quelle: Sächsische Zeitung, 30.08.2021