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Gekommen, um zu pflegen!

In Sachsen gibt es zu wenig Pflegekräfte. Ein Träger holt deshalb Filipinos ins Land. Ist das die Lösung?

27.12.2016 Von Marleen Hollenbach  (Foto: © Claudia Hübschmann)

Zwei Wochen ist Bernadine Puga erst in Deutschland. Doch sie läuft durch das Seniorenheim in Meißen, als wäre sie schon Jahre dort. Bei den Bewohnern kommt die junge Frau gut an. Fragt man die Kollegen nach ihr, erwidern sie nur: „Meinen Sie eine der kleinen Frauen?“ Tatsächlich ist die Asiatin zierlich. Doch groß ist die Hoffnung, die Heimleiter Steffen Kummerlöw mit ihr verbindet. Die 26-Jährige ist eine von sechs Filipinos, die sich jetzt um die Senioren kümmern. Puga kommt eigentlich aus Manila. Drei Jahre hat sie in einem Krankenhaus gearbeitet. Das war nicht schlecht. Nur die Bezahlung stimmte nicht. Als sie erfuhr, dass in Deutschland Pflegekräfte dringend gebraucht werden, nahm sie Kontakt zu einer Agentur auf, fing an, die Sprache zu lernen. Ihre Gespräche beginnt sie mit den Worten: „Entschuldigung, ich spreche noch nicht so gut Deutsch.“ Der Heimleiter nennt das „eine Lüge“, lobt die Aussprache, den Fleiß und ihre Herzlichkeit.

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Ihr Kollege Carlo Navarrete ist ein bisschen zurückhaltender. Doch auch er hat sich schnell eingelebt. Für ihn ist es normal, sich um alte Menschen zu kümmern. Und dann sagt er einen Satz, der wie auswendig gelernt klingt. „Pflegen ist meine Leidenschaft. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich auf Arbeit gehe.“ Wenn man den jungen Mann sieht, wie er auf die Senioren zugeht, wie er lacht und mit den alten Leuten Späße macht, nimmt man ihm sogar diese Worte ab. „Traumhaft“, meint der Heimleiter dazu nur.

„Pflegen ist meine Leidenschaft. Ich freue mich jeden Tag …“

Tatsächlich können es sich die Pflegeheime gar nicht mehr leisten, beim Personal wählerisch zu sein. Der viel beschriebene Fachkräftemangel ist für sie Alltag. „Es ist jedes Mal eine Herausforderung für mich, den Dienstplan aufzustellen. Und da rede ich noch gar nicht davon, dass einer krank wird“, sagt Steffen Kummerlöw. Aktuell sind in Sachsen 128 Altenpflegekräfte arbeitslos gemeldet. Gleichzeitig sind 788 Arbeitsstellen nicht besetzt. „Damit stehen rechnerisch jeder Altenpflegekraft fünf freie Stellen gegenüber“, erklärt Frank Vollgold, Sprecher der Arbeitsagentur.

Das ganze Ausmaß wird sichtbar, betrachtet man die Zahlen vom Statistischen Landesamt. Laut dessen Prognose steigt die Zahl der Pflegebedürftigen in Sachsen bis zum Jahr 2030 um 40 000. Das heißt: Schon bald benötigt der Freistaat bis zu 22 000 zusätzliche Beschäftigte. Doch woher sollen die kommen? Wolfgang Schütze fragt sich das schon lange. Er ist Geschäftsführer von Pro-Civitate, einem Träger, zu dem auch das Heim in Meißen gehört. Weil es auf dem Arbeitsmarkt kaum Altenpfleger gibt, bildet er selbst Pflegekräfte aus. Doch er findet kaum junge Menschen, die diesen Beruf ergreifen wollen. Seine Mitarbeiter gehen in Schulen, informieren über den Beruf, laden die Schüler ins Pflegeheim ein. „Wir können natürlich noch mehr Werbung machen. Aber in den nächsten fünf Jahren hilft uns das nicht weiter“, sagt er. Ohne Pflegekräfte aus dem Ausland geht es nicht, meint der Geschäftsführer.

Im März 2016 waren in Sachsen 18 000 Frauen und Männer als Altenpfleger beschäftigt, darunter immerhin 270 ausländische Staatsbürger. Und es werden immer mehr. Allein im vergangenen Jahr kamen 106 Pflegekräfte aus dem Ausland hinzu.

Aus diesen Zahlen macht Christian Hallerbach ein Geschäft. Seine Agentur rekrutiert Pflegekräfte von den Philippinen. Hallerbach fliegt jetzt zum zehnten Mal nach Südostasien. Dort hat er ein kleines Büro. Die Mitarbeiter werben mit Plakaten, führen mit den jungen Asiaten Bewerbungsgespräche. Nur wer schon in der alten Heimat mit dem Deutschlernen beginnt, hat eine Chance. Doch wer es einmal in die Kartei geschafft hat, dem wird der Weg nach Deutschland geebnet. Hallerbach kümmert sich ums Visum, verhandelt mit den Behörden. 75 gut ausgebildete Filipinos konnte er für sein Projekt gewinnen. Die Ersten hat er schon ins Land geholt. Und das, ohne ein schlechtes Gewissen. „Auf den Philippinen werden mehr Pfleger ausgebildet, als es Stellen gibt“, sagt er. Zudem gebe es auch dort gar nicht so viele alte Menschen. Das Durschnittsalter liege gerade einmal bei 25 Jahren.

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Argumente, die Wolfgang Schütze überzeugt haben. Vor zwei Jahren nahm er mit der Agentur Kontakt auf. Inzwischen beschäftigt er 15 Filipinos – in Meißen, Schmiedeberg und Chemnitz. Und das ist erst der Anfang. Schon im nächsten Jahr sollen weitere 25 Pflegekräfte folgen. „Das sind noch nicht mal zwei pro Haus. Zu uns gehören 23 Einrichtungen “, erklärt er.

Bernadine Puga muss sich um diese Rechenspiele nicht kümmern. Sie plant lieber die Reise in ihre alte Heimat. Der Flug ist teuer, deshalb spart sie schon jetzt. Es soll aber nur ein kurzer Besuch werden. Deutschland ist jetzt ihr neues Zuhause. Mindestens für die nächsten sechs Jahre, meint sie. „Vielleicht sogar für immer“, fragt ihr neuer Chef. Die junge Frau nickt. Ihr Kollege stimmt ihr eilig zu.

An den kalten Winter werden sich die beiden gewöhnen. Und damit das Heimweh nicht zu groß wird, hat der Chef noch ein kleines Geschenk mitgebracht. Erst stellt er seinen neuen Mitarbeitern einen Wasserkocher hin, dann zaubert er einen Reiskocher hinter dem Rücken hervor. Den Jubel nimmt er breit lächelnd entgegen. „Ich weiß ja, dass ihr mit Kartoffeln nichts anfangen könnt.“

Artikel-URL: http://www.sz-online.de/sachsen/gekommen-um-zu-pflegen-3573569.html
Quelle: Sächsische Zeitung